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APA-Artikel 10. Februar 2012

"Malariatherapie" - Anwalt: "Opfermeldungen reißen nicht ab"

In der Angelegenheit der an Heimkindern an der damaligen Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie in den 1969er-Jahren praktizierten "Malariatherapie" gibt es offenbar immer mehr Betroffene, die sich melden. "Der Strom der Opfer, die sich melden, reißt nicht ab. Es sind mittlerweile mindestens zehn", sagte am Freitag der Wiener Anwalt Johannes Öhlböck gegenüber der APA. Die Angelegenheit selbst führt in die Tiefe der österreichischen Medizin-Zeitgeschichte und somit auch der Geschichte der Psychiatrie der NS- und Nachkriegszeit.

Die Angaben des Wiener Anwalts: "Es haben sich Betroffene gemeldet, die von solchen Therapien oder Versuchen ab 1957/1958 bis 1967/1968 berichteten. Ich komme auf rund 260 Kinder, die man dafür (als vorübergehende Träger von Plasmodium vivax, Anm.) benötigte. Die Erreger wurden ja von Person zu Person übertragen - das funktionierte jeweils 14 Tage." Ein nach eigenen Angaben Betroffener hätte berichtet, dass es sich um eine "Abkühltherapie für Pubertierende" gehandelt hätte. Darüber hinaus sei von Elektroschocktherapien ("Da hat es jemanden im Bett 'aufgestellt'", so Öhlböck), von "Niederspritzen" und "Schlaftherapien" sei in den Aussagen die Rede.

Aktiv in dem Bereich sei speziell der als "Adlatus" von Klinikchef Hans Hoff bezeichnete Psychiater Cornelius (in der Literatur auch "Kornelius") Kryspin-Exner in den Aussagen der Zeitzeugen genannt worden. Hier führt die Angelegenheit in die Medizin-Geschichte: Cornelius Kryspin-Exner übernahm 1969 nach dem Tod von Hoff die Leitung des Genesungsheims Kalksburg, das heutige Anton-Proksch-Institut für die Therapie von Abhängigen. Der Spezialist für Suchtkrankheiten wechselte 1975 als Ordinarius an die Universitätsklinik nach Innsbruck als Chef der Psychiatrie, wo er Vorgesetzter der wegen der Verwendung von Epiphysan (Veterinärpräparat) ab 1980 in die Kritik gekommenen Psychiaterin Psychiaterin Maria Nowak-Vogl wurde.

Der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber wies in einer Darstellung der Rolle der Psychiaterin darauf hin, dass Kryspin-Exner gegen deren Methoden eingetreten sei. Der Psychiater hatte auch in Deutschland einen hervorragenden Ruf.

In der Wiener Psychatrie-Geschichte der vergangenen Jahrzehnte taucht der Name Kryspin-Exner auch im NS-Umfeld auf. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) führt in einer Darstellung an, dass der Psychiater bzw. Neurologe "Richard Kryspin-Exner" (eventuell auch "Wichard" genannt) unter jenen Ärzten des psychiatrischen Krankenhauses "Am Steinhof" war, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Euthanasie nach dem Kriegsverbrechergesetz angezeigt worden waren. Die Anzeige wurde demnach 1949 zurückgelegt. Am "Steinhof" spielten sich die Kinder-Euthanasie-Verbrechen ("Spiegelgrund" ab, in deren Mittelpunkt auch der später prominente Gerichtspsychiater Heinrich Gross stand. Er war Gegenstand einer Jahrzehnte langen Affäre.

apa.at

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