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APA-Artikel 10. Februar 2012

"Malariatherapie" - Psychopharmaka 1960 noch kaum vorhanden

Eine "Malariatherapie" klingt im Jahr 2012 "mittelalterlich". Sie war aber Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte Praxis. Die Geschichte der modernen Pharmakotherapie in der Psychiatrie ist kurz, hat in ihrer Historie Tragödien und Fehlschläge. Und über viele Jahrzehnte hinweg glaubte die Psychiatrie offenbar auch, sie müsse sich für die "Korrektur" sozial nicht angepassten Verhaltens engagieren. Das war für die Betroffenen offenbar die größte Gefahr.

Der deutsche Klinische Pharmakologe und Psychiater Horst Koch schrieb in der Online-Version der deutschen Pharmazeutischen Zeitung: "Viele Jahrhunderte lang galten psychische Erkrankungen als geheimnisvoll, unbehandelbar und wurden mystisch verklärt. Die Patienten lebten - oder vegetierten - oft jahre- und jahrzehntelang in geschlossenen Anstalten." Man hatte keine Ahnung von den biologischen Vorgängen im Gehirn und vom Funktionieren des Nervensystems.

Einige Stationen dieser Entwicklung:

- 1805 gelang es Friedrich Sertürner, Morphin aus Rohopium zu isolieren. Der Paderborner Apotheker testete seine Entdeckung im Selbstversuch.

- 1848 wurde von Claude Bernard (1813 bis 1878) in Paris der Effekt von Curare (Muskelrelaxans) entdeckt.

- Schlafmittel: Adolf von Baeyer (1835 bis 1917) entdeckte 1864 die Barbitursäure, deren Name sich einer Anekdote zufolge vom St. Barbara-Tag, dem Tag der Entdeckung, herleitet. 1903 führten Emil Fischer und Joseph von Mering das erste Barbitursäurederivat Barbital (Veronal) in die Klinik ein. Phenobarbital wurde zum ersten Antiepileptikum.

- 1921 wies Otto Loewi (1873 bis 1961; Nobelpreisträger 1936), Professor für Physiologie in Graz zwischen 1908 und 1938 (vertrieben), nach, dass die Wirkung des Vagus-Nervs auf das Herz durch einen Nerven-Botenstoff (Acetylcholin) vermittelt wird.

- 1949 fiel dem australischen Psychiater John Cade (1912 bis 1980) auf, dass Lithium beruhigend auf Meerschweinchen wirkte. In den 1950er-Jahren wurde die Substanz zur ersten echten medikamentösen Therapie bei Schizophrenie und vor allem bei manisch-depressiven Patienten (möglich und häufig: zum Teil schwere Nebenwirkungen).

- 1951 zeigte sich in einem Labor der Hoffmann-La Roche (Basel) der stimulierende Effekt des Tuberkulostatikums Iproniazid. Ausgehend von dieser Beobachtung wurde Iproniazid 1958 als erster Monoaminoxidasehemmer (Antidepressivum) eingeführt. Die Substanz erwies sich als giftig für die Leber.

- Ciba Geigy (Basel) suchte Mitte der 1940er-Jahre nach schlaffördernden und neuroleptischen Substanzen. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts führte der Schweizer Psychiater Roland Kuhn (1912 bis 2005) 1957 eine klinische Studie mit Imipramin durch. 1958 kam des als erstes trizyklisches Antidepressivum auf den Markt. Amitriptylin, Doxepin und Nortritylin revolutionierten die Therapie der Depression. Das Problem war die Gefährlichkeit bei Überdosierungen.

- Tranquilizer: Mitte der 1950er-Jahre untersuchte man in Laboratorien von Hoffmann-La Roche Benzodiazepinderivate. Erst als das Projekt 1957 eingestellt werden sollte, wurde man quasi bei Aufräumarbeiten auf Chlordiazepoxid aufmerksam und befasste sich eingehender mit dessen beruhigenden Eigenschaften. Schon 1960 kam es als erstes Benzodiazepin auf den Markt ("Librium"). Dutzende weitere Substanzen, z.B. Diazepam ("Valium") folgten.

- 1969 postulierten zwei russische Pharmakologen, Izyaslav P. Lapin und Gregory F. Oxenkrug, die These, dass mehr Serotonin in den Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen im Gehirn eine positive Wirkung bei Depressiven haben müssten. Das führte zu den modernen, sicheren und wirksamen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs, z.B. Fluoxetin). Diese Medikamente bedeuteten den Durchbruch für die medikamentöse Therapie von psychischen Erkrankungen.

- Die "Nervenkliniken" endgültig leerten allerdings - gemeinsam mit der Reform-Psychiatrie - die Antipsychotika, welche die Schizophrenie behandelbar machten. Der französische Chemiker Paul Charpentier synthetisiert 1950 erstmals Chlorpromazin, die Referenzsubstanz für Neuroleptika (Antipsychotika).

- 1957 folgte - durch Synthese durch den Belgier Paul Janssen - das Neuroleptikum Haloperidol. Moderne atypische Antipsychotika folgten der Leitsubstanz Clozapin (Olanzapin etc.). Sie haben weniger negative Begleiteffekte auf die Psyche in der Behandlung der Schizophrenie.

- Auf den Effekt des antreibenden Nervenbotenstoffs Acetylcholin geht schließlich die Entwicklung der noch längst nicht ursächlich wirkenden Alzheimer-Medikamente in den 1990er-Jahren zurück, die auf der Basis der Hemmung des Abbaus der Substanz im Gehirn beruhen (Acetylcholinesterasehemmer, z. B. Galantamin). Das zweite Wirkprinzip bei Morbus Alzheimer ist der NMDA-Antagonist Memantnine (1963 ursprünglich als Antidiabetikum entwickelt). Hier fehlen aber Durchbrüche wie bei anderen psychiatrischen Erkrankungen.

apa.at

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