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APA-Artikel 9. Februar 2012

"Malariatherapie" - Kinderpsychiatrie im Wandel der Jahrzehnte

Einsperren, schlagen, fesseln, hungern lassen - die Methoden in der Kinderpsychiatrie wurden in Österreich viele Jahre lang aus den Disziplinierungsmaßnahmen der NS-Zeit abgeleitet. Erst Ende der 1950er Jahre ging man in Wien daran, sich dem heiklen Thema psychotherapeutisch zu nähern. Parallel dazu nahm eine Entwicklung ihren Lauf, die das Fach grundlegend verändern sollte: nämlich jene der Psychopharmaka.

"Kinderpsychiatrie im inhaltlichen Sinne gibt es in Österreich erst seit Beginn der 1960er Jahre", erklärte der Wiener Kinderpsychiater Ernst Berger im APA-Gespräch. Davor hätten zwar auch schon Einrichtungen existiert, die dem entsprächen, was man heute als Kinderpsychiatrie bezeichnen würde. Das Fachgebiet wurde laut dem Experten bereits in der NS-Zeit etabliert. Ein Kongress, den man als Beginn ansetzen könne, fand damals übrigens in Wien statt. Berger: "Den Nazis ging es natürlich in erster Linie um Disziplinierung."

Deshalb wurden damals zusätzlich auch die "Endstationen" geschaffen: Der "Spiegelgrund" in Wien für Behinderte und verhaltensgestörte Kinder sowie das Jugend-KZ Uckermark für Mädchen (in unmittelbarer Nachbarschaft zum KZ Ravensbrück in Deutschland) und das Jugend-KZ im niedersächsischen Moringen für Burschen.

Fernab der NS-Methoden beschritt Ende der 1950er Jahre der Wiener Kinderpsychiater und Neurologe Walter Spiel den Weg der psychotherapeutischen Behandlung. Seine Herangehensweise leitete der Mediziner von der von Alfred Adler begründeten Individualpsychologie ab. Daneben existierten die älteren Strömungen bis weit hinein in die 1980er Jahre.

Als Vertreter dieser düsteren Praktiken galten etwa die Innsbrucker Kinderpsychiaterin Maria Nowak-Vogl sowie der Klagenfurter Kinderarzt Franz Wurst. Berger: "Die haben die veralteten Methoden übernommen. Ein großer Teil stammte aus dem Repertoire der Schwarzen Pädagogik. Also heftige körperliche Strafen, erweitert um alte psychiatrische Maßnahmen wie etwa Schockbehandlungen."

Psychopharmaka hätten laut Berger erst Ende der 1960er eine Rolle gespielt. "Die ersten Medikamente, die am Markt gekommen sind, hatten starke Nebenwirkungen, und das Spektrum war denkbar klein. Es gab nur ein oder zwei Neuroleptika bzw. ein oder zwei Tranquilizer. Bei den Antidepressiva waren ebenfalls nur ein, zwei Präparate verfügbar."

Und heute? "Grundsätzlich hat sich die Kinderpsychiatrie in Österreich aus der Verwurzelung in der NS-Pädagogik gelöst, sie ist auf dem richtigen Weg, sie ist ein modernes Fach, das nach der Psychotherapie ausgerichtete ist, mit sorgsamem Einsatz von Psychopharmaka." Doch man müsse auf der Hut sein, das Fach stehe unter permanentem gesellschaftlichen Druck, unliebsame oder schwierige Jugendliche zu disziplinieren. Berger: "Man muss gegenüber dem Versuch, die Psychiatrie zu solchen Dingen zu verpflichten, die bis hin zum Festbinden reichen, sensibel sein, man darf sich da auf keinen Fall zuordnen lassen."

apa.at

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