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APA-Artikel 9. Februar 2012

Tiroler Kinderpsychiatrie: Ermittlungen in 1980er-Jahren eingestellt

Im Zusammenhang mit zweifelhaften Therapiemethoden in der Innsbrucker Kinderpsychiatrie in den 1970er Jahren, bei denen unter anderem das Tiermedikament Epiphysan angewandt worden sein soll, hat die Staatsanwaltschaft 1980 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Und zwar nachdem die Vorwürfe durch einen ORF-Bericht im Jahr 1980 bekanntgeworden waren, sagte der Sprecher der Innsbrucker Anklagebehörde, Hansjörg Mayr, am Donnerstag der APA.

Das Verfahren wurde aber eingestellt, nachdem ein Gutachten zu dem Schluss gekommen war, dass bei dem verabreichten Mittel Epiphysan mit keinen Nebenwirkungen zu rechnen sei. Gutachter sei Cornelius Kryspin-Exner gewesen, damals seines Zeichens Chef der heute umstrittenen Psychiaterin Maria Nowak-Vogl. Die bereits verstorbene Nowak-Vogel soll laut dem Historiker Horst Schreiber in den 70er Jahren Epiphysan, ein Mittel aus der Tiermedizin zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Kühen, angewandt haben, um ihrer Ansicht nach "sexuell übererregte" Mädchen zu therapieren. Zudem habe sie Kinder "terrorisiert und eingeschüchtert" und sie als Forschungsgegenstände vorgeführt.

Laut Mayr wurden damals zusätzlich zu dem Gutachten Stellungnahmen weiterer Ärzte eingeholt. Auch diese hätten darin übereingestimmt, dass nach damaligen Stand keine Nebenwirkungen bei Epiphysan zu erwarten gewesen seien. "Daher wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt", erklärte der Staatsanwaltschaftssprecher.

Historiker Schreiber sieht im Zusammenhang mit den Vorkommnissen in den 1970er Jahren nach wie vor eine "ganz große Forschungslücke". Wie viele Kinder betroffen waren, könne er derzeit nicht seriös beantworten, hatte er am Donnerstag gegenüber der APA gesagt. Zuerst müssten die Krankenakten gesichtet werden, die zum Großteil noch erhalten seien. Er selbst habe im Rahmen seiner Forschungsarbeit, an deren Ende das Buch "Im Namen der Ordnung. Heimerziehung in Tirol" stand, Einsicht in manche dieser Fälle nehmen können. Einige der Betroffenen hätten sich auch beim Opferschutz gemeldet.

Die Kinderpsychiatrie an der Innsbrucker Universitätsklinik sei damals die zentrale Stelle bei der Fremdunterbringung von Kindern gewesen, erklärte Schreiber. Und Nowak-Vogl hätte mit ihren Gutachten und Diagnosen dabei eine Schlüsselrolle eingenommen. Zudem habe die Psychiaterin und Pädagogin auch den erzieherischen Umgang mit Heimkindern in Tirol geprägt. Dabei seien Bestrafungen und brutales Bloßstellen von Bettnässern gegenüber anderen Kindern oder Klingelbetten gegen Bettnässen nichts Ungewöhnliches gewesen.

apa.at

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