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APA-Artikel 9. Februar 2012

Wiener Psychiatriereform: Der lange Weg zur Dezentralisierung

In den späten 1970er Jahren wurde in der Bundeshauptstadt Wien die "Psychiatriereform" begonnen. Zuvor gab es viele Langzeit-Patienten, die in überfüllten Spitälern unter zum Teil haarsträubenden Bedingungen untergebracht waren. Basis der Reform war 1980 die Errichtung der Psychosozialen Dienste (PSD), die mit ihrem Netzwerk schließlich die Grundlage für eine flächendeckende ambulante Versorgungsstruktur für Kranke bot. Das ermöglichte es, die psychiatrischen Kliniken zu leeren.

Noch bis zum Ende der 1970er Jahre erfolgte die Versorgung der Wiener Bevölkerung hauptsächlich in zwei dezentral gelegenen psychiatrischen Großkrankenanstalten. Dabei handelte es sich um die Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof (Otto-Wagner-Spital) sowie die circa 100 Kilometer westlich der Stadt gelegene Heil- und Pflegeanstalt Ybbs an der Donau.

Damaliges Ziel war es, Menschen mit psychischen Erkrankungen von ihrem sozialen Umfeld und der Gesellschaft zu trennen, um ihnen Erholung und Beruhigung zu ermöglichen. Die - aus heutiger Sicht - sehr eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten umfassten die Pflege der Kranken, einfache Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen sowie die Anwendung erster medizinischer Verfahren und soziotherapeutischer Methoden.

Die Aufnahmen der Patienten erfolgten meist zwangsweise, Entlassungen waren selten. 1980 befanden sich mehr als 3.000 Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten, 80 Prozent davon waren zwangsweise aufgenommen worden.

Im Zuge gesellschaftlicher und politischer Veränderungen und der Entwicklung wirksamer medizinischer Behandlungen wurde die Situation der Kranken in den Anstalten zunehmend als menschenunwürdig und unzumutbar kritisiert. In den 1970er Jahren gab der damalige Gesundheitsstadtrat Alois Stacher (S) schließlich den Auftrag, die Krankenversorgung, die Altenhilfe und die Psychiatrie umfassend zu reformieren.

Unter der Leitung des Psychiaters Stephan Rudas wurden Modelle der psychiatrischen Versorgung entwickelt. Als wichtig wurde eine Verbesserung der Behandlung durch differenzierte Methoden angesehen. Weiters wurde die Abkehr vom Prinzip psychiatrischer Großkrankenhäuser und die Gleichstellung psychisch erkrankter mit körperlich erkrankten Menschen gefordert. Die Behandlungsangebote sollten leicht erreichbar sein, also möglichst nahe am Wohnort.

1979 wurde der "Zielplan für die psychiatrische und psychosoziale Versorgung in Wien" fertiggestellt. Er beinhaltete eine Neuordnung und Regionalisierung der psychiatrischen Versorgung. Wien wurde in acht Regionen eingeteilt und 1980 das Kuratorium für Psychosoziale Dienste in Wien (PSD) gegründet. Seither wird sowohl stationär, als auch - und das in zunehmendem Maße - ambulant eine flächendeckende psychiatrische und psychosoziale Versorgung in der Bundeshauptstadt angeboten.

Ein weiterer Leitgedanke der Reform war, dass offen geführte Abteilungen den Patienten eine lebensnahe und an ihren Bedürfnissen orientierte Behandlung ermöglichen. Daher wurden die Stationen auf maximal 20 Betten verkleinert. Die medizinisch-therapeutische Versorgung erfolgt heute zudem durch multidisziplinäre Teams, bestehend u.a. aus Fachärzten für Psychiatrie und psychiatrischem Krankenpflegepersonal.

Auch in Zukunft soll das Versorgungsnetz weiter dezentralisiert werden. In den kommenden Jahren werden zahlreiche psychiatrischen Regionalabteilungen des Otto-Wagner-Spitals in andere Einrichtungen übersiedeln. So wandert die Abteilung für die Bezirke Brigittenau und Floridsdorf in das sich derzeit in Bau befindliche Krankenhaus Nord. In der Rudolfstiftung wird die Abteilung für die Bezirke Landstraße und Simmering Platz finden, die Abteilungen für Meidling, Hietzing und Liesing siedeln ins Krankenhaus Hietzing mit dem Neurologischem Zentrum Rosenhügel. Weiteres Vorhaben ist der Umzug der Abteilungen für Hernals, Währing und Döbling in das Wilhelminenspital.

Insgesamt stehen in den KAV-Einrichtungen 1.489 Plätze für psychisch Erkrankte zur Verfügung. Davon befinden sich 1.057 in den Spitälern der Stadt Wien, 432 stehen den Bewohnern der Geriatriezentren und Pflegewohnhäuser zur Verfügung. 64 Plätze gibt es für Kinder und Jugendliche - hier wird die Kapazität jedoch mit der Fertigstellung des Krankenhauses Nord um 24 Plätze aufgestockt.

apa.at

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