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APA-Artikel 8. Februar 2012

"Malariatherapie" - "Klinik Hoff" - Zentrum der Nachkriegspsychiatrie

Die Affäre rund um die angebliche "Malariatherapie" für Heimkinder bis Mitte der 1960er-Jahre an der sogenannten Klinik Hoff rückt eine Institution ins zeitgeschichtliche Rampenlicht, die in jener Zeit von bis heute prominentesten Psychiatern geprägt war. Die "Klinik Hoff" - in der auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer strikt patriarchalisch geprägten Medizinischen Fakultät in Wien - war eigentlich einfach die Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie. Tätig waren dort unter anderen Gerichtspsychiater-Doyen Willibald Sluga und Suizidforscher Erwin Ringel.

Hoff selbst (1897 bis 1969) war im Wien der 1960er-Jahre quasi der sprichwörtliche Psychiater, "seine" Klinik ebenso. Hoff wurde 1897 in Wien geboren, studierte in Wien Medizin und war von 1928 bis 1932 an der Klinik unter deren damaligen Leiter und Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg (Behandlung der Progressiven Paralyse bei Syphilis per Malaria-Fieber) als Assistent tätig. 1936 wurde er Vorstand der Neurologischen Abteilung der Poliklinik Wien in unmittelbarer Nähe des Alten AKH. Einer seiner Nachfolger - nach dem Nationalsozialismus - war dort ab 1946 auf Intervention von Bruno Pittermann (S) der Entwickler der Existenzanalyse, Viktor Frankl.

Hans Hoff musste nach dem "Anschluss" im Jahr 1938 wegen seiner Herkunft emigrieren. Er ging nach Bagdad, übersiedelte dann an die Columbia University in New York. 1949 kehrte Hoff nach Wien zurück. Der KPÖ-Kulturstadtrat Viktor Matejka hatte eine Initiative gesetzt, Intellektuelle, die vertrieben worden waren, wieder nach Wien zurück zu holen. 1950 wurde er Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie. Die beiden "Fächer" waren damals noch eines. Die moderne, auf biochemischen Abläufen basierende biologische Psychiatrie gab es damals noch nicht.

Eines kann aufgrund der Lebensgeschichte von Hoff wohl angenommen werden: Mit den "Malaria-Experimenten" von NS-Ärzten an Kriegsverbrechern in Konzentrationslagern etc. dürfte die Wiener Affäre jedenfalls nichts zu tun haben. Die Politiker in Wien waren darum bemüht, nach den Verbrechen des Nationalsozialismus an der Universitätsklinik unbelastete Experten in Leitungspositionen zu bekommen. In einer Biografie von Hoff heißt es unter anderem: "H. gilt als Gründer der Wiener Psychiatrischen Schule, dessen erstes Anliegen es war, die Vermenschlichung der Kliniken zur Gewährleistung der Würde des psychisch Erkrankten durchzusetzen."

Im Umfeld der Anschuldigungen wegen der Malaria-Fiebertherapie tauchen laut dem Wiener Anwalt Johannes Öhlböck auch die Namen "Sluga" und "Ringel" auf. Der Neurologe und Psychiater Willibald Sluga war in den 1960er- und vor allem in den 1970er-Jahren einer der führenden Gerichtspsychiater in Österreich. Er arbeitete ebenfalls an der Psychiatrischen Universitätsklinik. In der Öffentlichkeit bekannt wurde er speziell als Berater des Krisenstabes der österreichischen Regierung unter Bruno Kreisky (S), als am 28. Jänner 1973, am jüdischen Neujahrsfest, zwei palästinensische Geiselnehmer am Grenzbahnhof Marchegg drei jüdische Emigranten und einen österreichischen Zollwachebeamten in ihre Gewalt brachten und die Schließung des Transitlagers für Emigranten auf dem Weg von der damaligen Sowjetunion nach Israel in Bad Schönau forderten. Die Geiselnehmer wurden schließlich nach Libyen ausgeflogen. Sluga stand aber auch hinter den Reformen der Ära Kreisky, was den Umgang mit geistig abnormen Rechtsbrechern und generell Psychiatrie in der Justiz betraf.

Erwin Ringel (1921 bis 1994) schließlich - 1939 für einige Wochen von der Gestapo festgenommen und im Krieg beinahe in die Fänge der Militärgerichtsbarkeit gekommen - arbeitete 1953 bis 1964 als Leiter der Frauenabteilung der Universitätsklinik für Psychiatrie. Dafür berufen worden war der ehemalige NS-Gegner durch Hoff. 1954 begann er mit dem Aufbau der ersten Station für Psychosomatik. Gleichzeitig wurde er zum führenden Suizidforscher und Aktivisten zur Verhütung von Selbstmorden. Außerdem baute er den während der NS-Diktatur verbotenen Verein für Individualpsychologie wieder auf.

Freilich, trotz der Fortschritte der Wiener Universitäts-Psychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg bedurfte es erst der Reformen des damaligen Wiener Gesundheitsstadtrates Alois Stacher und seines Mitstreiters, des Psychiaters und Psychoanalytikers Stephan Rudas, ab 1980, um die Psychiatrie wirklich menschengerecht zu machen und Zwangs- und Langzeitunterbringung zurück zu drängen. 1979 gab es in Wien noch 3.858 stationäre Psychiatrie-Betten, 2008 waren es nur noch 635. Erst damit hatte das düstere Kapitel der NS-Psychiatrie ihren Schlusspunkt erhalten, auch wenn die "Affäre" um den Gerichtspsychiater Heinrich Gross ("Spiegelgrund") damals noch gar nicht so richtig bekannt geworden war. Den kannten alle Wiener Psychiater bereits in den 1960er-Jahren ...

apa.at

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