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APA-Artikel 24. Jänner 2012

WWW-Tool wandelt Mathematikformeln für Blinde um

Mathematikformeln lesen und verstehen - was für sehende Schüler und Studierende oft schon schwer genug ist, ist für blinde und sehbehinderte Menschen meist ein Ding der Unmöglichkeit. Denn zweidimensionale Formeln ließen sich bisher auf die lineare, taktile Ebene von Brailleformaten nur sehr unzulänglich übertragen.

Mit dem Webtool "MathInBraille", das vom Institut Integriert Studieren der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz in Zusammenarbeit mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs entwickelt wurde, ist eine neue Ära angebrochen. "Mathematik ist in fast allen Studienfächern ein wichtiger Themenbereich. Umso entscheidender, dass Inhalte schnell, effizient und auch in breitem Umfang verfügbar gemacht werden können", erläuterte Univ. Prof. Klaus Miesenberger, stellvertretender Vorsitzer des Instituts, am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. Bisher mussten Formeln etwa in die Marburger Mathematikschrift übersetzt werden, was extrem aufwendig ist und dennoch unbefriedigende Ergebnisse liefert. "Das führt dazu, dass Betroffene trotz Begabung mathematische oder technische Fächer zunehmend meiden", so Miesenberger. An der Linzer Universität studieren gegenwärtig zwölf Menschen mit einer diesbezüglichen Behinderung, einer davon ein technisches Fach.

MathInBraille steht für einen gewaltigen Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Schätzungen des Blindeninstituts Wien zufolge besuchen allein in der Bundeshauptstadt rund 300 Schüler eine Regelschule. Waren sie bisher auf Stützlehrer, Eltern oder Mitschüler angewiesen, können sie erstmals ohne fremde Hilfe Formeln in ein Braille-Format konvertieren. Ganz ohne Unterstützung geht es im Unterricht allerdings nicht: Irgendjemand muss die Formel in den Konverter eingeben - sei es der Lehrer oder ein smarter Sitznachbar. Die Eingabe funktioniert allerdings problemlos, entweder mittels des schnell erlernbaren LaTex (ein Softwarepaket, das die Benutzung des Textsatzprogramms TeX mit Hilfe von Makros vereinfacht) oder mit Hilfe eines WYSIWYG-Editors.

Barrierefreies Netz ist unabdingbar

Die Web-Anwendung soll breit genutzt und in vielerlei Szenarien, etwa bei der Softwareentwicklung, eingebunden werden. "Webdesigner können das Tool im Hintergrund einbinden", erklärte Miesenberger. Steht auf der Website eine Formel, wird diese für den Sehbehinderten automatisch in Brailleformat ausgegeben. Auch das Institut selbst arbeitet im Produktionsprozess von Inhalten mit der Applikation. Für alle Technologien gilt: Genutzt werden können sie von den Betroffenen nur, wenn das Internet auch barrierefrei ist.

Nur acht Forschungseinrichtungen weltweit beschäftigen sich mit der Umwandlung mathematischer Formeln in Braille-Formate, vier davon befinden sich in Europa. "MathInBraille ist ein offenes, freies Basissystem, das existierende Notationen speichern kann. Auch andere Forscher sollen ihre Braille-Notationen einfließen lassen - die Codes für Formeln weichen ja je nach Sprache stark voneinander ab. "So können wir schließlich eine universelle Sprache Mathematik, die sie ja für die Sehenden schon längst ist, auch für Blinde und Sehbehinderte schaffen", so Miesenbergers Vision.

Finanziert wurde das Projekt über das Förderprogramm Netidee 2010 der gemeinnützigen Internet Foundation Austria (IPA). MathInBraille ist das Nachfolgeprojekt von RoboBraille-Deutsch. Mit dem erfolgreichen Webservice können alle Arten von elektronischen Dokumenten in Blindenschrift oder synthetische Sprache konvertiert werden.

Service: http://www.mathinbraille.at, www.robobraille.at

apa.at

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