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APA-Artikel 19. Jänner 2012

Krebsmedizin nach Biologie und Evolution

Die "zielgerichtete" und "personalisierte" Krebstherapie könnte einen Durchbruch in der Medizin bringen. Laut dem israelischen Wissenschafter Yosef Yarden von der Abteilung für biologische Regulation am Weizmann Institut in Rehovot in Israel sollten zukünftige Behandlungsstrategien hier auf Erkenntnissen der Biologie und der Evolution aufbauen, erklärte er bei einem Vortrag an der MedUni Wien.

Yarden, auf diesem Gebiet seit vielen Jahren tätig, war vom Comprehensive Cancer Center (CCC) der MedUni Wien und des AKH eingeladen worden. Den Hintergrund zu dem Referat gibt die sich derzeit speziell in der Onkologie rasend schnell etablierende Diagnose und Therapie auf der Basis molekularbiologischer Befunde ab. Mit Attacken via Arzneimittel auf ganz spezifische Strukturen und Abläufe in bösartigen Zellen laut den beim einzelnen Patienten individuell vorliegenden Charakteristika können bösartige Erkrankungen häufiger geheilt, unter Kontrolle gebracht bzw. die Überlebenszeit deutlich verlängert werden.

Dahinter steckt allerdings die Notwendigkeit, die Signal- und Stoffwechselnetzwerke von Tumorzellen im Detail zu entschlüsseln und vielversprechende, zentrale "targets" zu finden. Der israelische Wissenschafter verwies dazu auf den deutschen Wissenschafter Paul Ehrlich, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert an einer "Chemotherapia specifica" (Magic Bullets) zu arbeiten begonnen hatte. In der Onkologie könnten hier Erkenntnisse über die Evolution der Lebewesen helfen.

Ein Beispiel ist das System der Rezeptoren für den Epidermal Growth Factor (EGF) und der Tumorwachstumsfaktoren."Der Fadenwurm C. elegans besitzt einen EGF-Rezeptor und einen Wachstumsfaktor. Der Mensch hat schon vier EGF-Rezeptoren", erläutert Yarden. Fazit daraus ist, dass es im Laufe der Evolution der Lebewesen offenbar mehrfach zu Gen-Verdopplungen kam, die aus einem einfachen und gerichteten Signalweg beim simplen Fadenwurm, der das Überleben von Zellen und deren Teilung sicherstellen soll, ein "robustes Netzwerk" machte, das simple Schäden leicht übersteht.

Das trifft besonders auf Krebszellen zu. An die 20 Prozent der Frauen mit einem Mammakarzinom weisen einen Tumor auf, dessen Zellen an der Oberfläche extrem viele Rezeptoren (HER-2/neu) für den EGF-Wachstumsfaktor besitzen. Monoklonale Antikörper können diesen Rezeptor blockieren und führen zu teilweise hervorragenden Behandlungsergebnissen. Allerdings reicht der Effekt dieses Arzneimittels allein nicht aus. Die Tumorzellen können die längerfristig parieren. Yarden: "Krebszellen können aber nicht mehrfache Attacken und außergewöhnliche Schädigungen abwehren."

Genau das benötige man in der Onkologie. So zum Beispiel wäre die Blockade mehrerer Rezeptoren für Wachstumsfaktoren auf Tumorzellen Erfolg versprechend oder die Kombination von Arzneimitteln der "zielgerichteten" Therapie mit unterschiedlichen Ansatzpunkten. Das könnte zum Beispiel ein Angriff auf den EGF-Wachstumsfaktor plus das Auslösen einer immunologischen Reaktion sein. Das alles spricht für Kombinationstherapien auch bei den neuesten Krebsmedikamenten. In den vergangenen Tagen sind wohl im britischen "Lancet" als auch in führenden US-Medizinfachzeitschrift "The New England Journal of Medicine" erfolgreiche Studien in der Behandlung von Brustkrebs durch die Kombination "zielgerichteter" Arzneimittel publiziert worden. Sie sprechen allesamt für den Ansatz Yardens.

apa.at

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