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APA-Artikel 13. Jänner 2012

Der Weg zu einem besseren Gesundheitswesen

Die "Personalisierte Medizin" als Heilkunde auf der Basis individueller molekularbiologischer Untersuchungen ist bereits Realität. Dies gilt zum Beispiel für Teile der Krebsmedizin, zu einem Gutteil bei der Behandlung von HIV-Infektionen und auch in der Dermatologie.

Dies erklärten am Freitag internationale Spezialisten beim Symposium zu diesem Thema der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Wissenschaften "Leopoldina" in Wien (12. bis 14. Jänner). Philipp Heitz, emeritierter Professor für Pathologie der Universität Zürich: "Ich würde den Begriff 'Präzisionsmedizin' bevorzugen. Diese 'Personalisierte Medizin' bietet einen strukturellen Ansatz für mehr Qualität im Gesundheitswesen bei tragbaren Kosten."

Ein Beispiel: Wirkung bzw. Nebenwirkungen von Arzneimitteln, die von Mensch zu Mensch dramatisch unterschiedlich sein können. Der Pathologe: "Das Nichtansprechen von Patienten auf häufig verschriebene Medikamente kann eine Rate von 40 bis 75 Prozent (je nach Krankheit, Anm.) aufweisen. Bei den Antidepressiva sind es 38 Prozent der Patienten, die nicht ansprechen, bei Krebs 75 Prozent."

Hier soll die molekularbiologische, ganz genaue Klassifizierung der beim einzelnen Erkrankten vorliegenden Erkrankungsform bedeutende Fortschritte bringen. Heitz: "Auf der anderen Seite gibt es in den USA (pro Jahr, Anm.) zwei Millionen Spitalsaufnahmen wegen Arzneimittel-Nebenwirkungen." Die individuelle Metabolisierung von Wirkstoffen, deren von Mensch zu Mensch unterschiedliche Transportrate im Körper sowie die zumeist nicht gleichen Ansatzpunkte für Arzneimittel-Substanzen bewirken diese Unterschiede. Wer hier eine genauere Charakterisierung der Patienten erreicht und gleichzeitig die Therapie "maßschneidern" kann, würde hier den Sieg davon tragen.

Dies könnte schneller erfolgen, als man als Utopie meinen könnte. Der Schweizer Experte: "Eine Sequenzierung des gesamten Genoms eines Menschen um 1.000 US-Dollars ist 'ante portas'. (...) Die FDA (US-Arzneimittelbehörde, Anm.) hat bereits einen Test für 29 Varianten des Cytochrom-Enzym-Gens (verantwortlich für die unterschiedliche Verstoffwechselung von Arzneimitteln, Anm.) zugelassen. Diese Mutationen betreffen de Stoffwechsel von 25 Prozent der häufig verschriebenen Medikamente." Das ließe eine enorme Verbesserung der Relation zwischen Wirkung und Nebenwirkungen von Arzneimitteln zu.

"Private Mutationen"

Die "Personalisierte Medizin" ist in der Dermatologie in einzelnen Gebieten bereits Realität. Jouni Uitto, Professor für Hautkrankheiten und Hautbiologie an der Jefferson University in Philadelphia in den USA arbeitet seit Jahren an der Erforschung der Erkrankung der "Schmetterlingskinder" (Epidermolysis bullosa), bei der durch verschiedene Genmutationen Unter- und Oberhaut den Kontakt verlieren. Schwerste Hautverletzungen bei auch nur geringer Belastung der Haut durch Berührung etc. sind die Folge.

Der Experte: "Die Erkrankung tritt bei einem von 20.000 Neugeborenen auf. Es wurden 14 verschiedene Gene identifiziert, die hier Mutationen aufweisen können. Wir haben 1.008 Familien, in denen diese Krankheit auftritt, untersucht. Dabei haben wir 783 verschieden Mutationen gefunden. Das bedeutet, dass jede Familie praktisch ihre 'private' Mutation, die zu der Erkrankung führt, aufweist."

Diagnose, Prognose über die Schwere der Erkrankung - in schwersten Fällen sterben die Babys binnen Wochen nach der Geburt -, genetische Beratung von Paaren mit Kinderwunsch, wenn in der Familie eine Veranlagung vorliegen könnte und auch Präimplantationsdiagnostik bei in vitro-Fertilisierung, wenn ein Kind der Familie schon erkrankt ist, sind die derzeit möglichen Konsequenzen. Uiotto: "Mittlerweile können wir freie DNA vom Fötus im Blut der Mutter schon ab der fünften Schwangerschaftswoche isolieren und untersuchen."

Das erlaubt im Fall des Falles und wenn Gefahr für eine schwere Form der Erkrankung besteht, einen sehr frühzeitigen Schwangerschaftsabbruch. Auch die IVF-Präimplantationsdiagnostik im Acht-Zell-Stadium des Embryos wird in Philadelphia durchgeführt. Uitto ist hier klar für eine solche Möglichkeit: "Wir verhindern damit eine sehr schwere Erkrankung."

Historische Entwicklung

Die "Personalisierte Medizin" ist nicht unbedingt eine Erfindung der jüngsten Vergangenheit. "In der antiretroviralen Therapie bei HIV-Infektionen wurde zunehmend eine personalisierte Behandlung entwickelt. Immerhin haben wir schon fünf verschiedene Wirkstoffklassen und rund 30 verschiedene Medikamente, die gegen HIV wirken", sagte bei dem Symposium der Österreichischen Akademie und der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Wien der Schweizer Aids-Forscher Giuseppe Pantaleo (Universität Lausanne).

Was bei der Behandlung der Immunschwächekrankheit durch eine beim einzelnen Patienten möglichst passende Medikation möglich ist, so der Experte: "Die Sterblichkeit durch Aids ist um 75 Prozent zurückgegangen. Eine wirksame Therapie bedeutet eine um 96 Prozent reduzierte Übertragungsrate (auf nicht infizierte Partner via sexuelle Kontakte, Anm.). Allerdings, die mit der Infektion einher gehende ständige Aktivierung der T-Zellen (Lymphozyten, Anm.) und die Entzündungsreaktion bleibt erhalten." Diese chronische Entzündung bei HIV-Infizierten dürfte auch die größere Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebsleiden erklären.

"Wir starteten bei einer intuitiven Medizin. Dann gelangten wir zur Evidence Based Medicine, die Krankheiten nach gemeinsamen Symptomen klassifiziert und auf statistischen Untersuchungen beruht, wer im Durchschnitt besser (oder schlechter, Anm.) abschneidet. Aber wir wussten nicht, welcher Patient das sein würde. Jetzt kommen wir zu reproduzierbaren Prognosen", sagte Boris Bastian, Professor für Krebsbiologie der Universität von Kalifornien. Man sollte aber die neue Entwicklung auch nicht überbewerten: "Schon Penicillin war die erste gezielte Therapie - bei Infektionen. Man hat ja auch gegen bestimmte Keime und nicht gegen die (bei der Infektion, Anm.) auftretende Hautrötung behandelt."

Neue Klassifizierungen

Durch die "Personalisierte Medizin" als "Präzisionsmedizin" dürfte es aber auch zu einer teilweise völlig neuen Einteilung von Erkrankungen kommen, die in - genetisch oder epigenetisch - unterschiedliche Krankheitsformen zerfallen. Dies ist ähnlich der Entwicklung in der Zoologie und Botanik in den vergangenen Jahren, wo die Erbgut-Sequenzierung ebenfalls alte Klassifizierungen nach Aussehen etc. zum Teil deutlich verändert hat.

Bastian nannte hier das Melanom (Schwarzer Hautkrebs) als Beispiel: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kennt hier in ihrer Krankheits-Klassifizierung derzeit 14 verschiedene und zum Teil überlappende Krankheitsformen. Die Tumorgenetik bringt hier völlig neue Erkenntnisse. Der Experte: "Es gibt offenbar zwei verschiedene Typen von Melanozyten (pigmentierende Hautzellen, Anm.), aus denen Melanome entstehen können." Melanozyten aus oberen Hautschichten oder zum Beispiel in Unterhautgewebe oder im Umfeld von Nerven wären wahrscheinlich unterschiedliche Formen.

Solche Unterscheidungen beeinflussen bereits die Melanom-Therapie: Bei Patienten, bei denen der Tumor eine bestimmte Mutation im BRAF-Gen aufweist, hilft ein neues und speziell dafür entwickeltes Medikament (Vemurafinib) im überwiegenden Teil der Fälle. Tumoren mit Mutationen im KIT-Gen wiederum sprechen auf Vemurafinib nicht an, hingegen auf die Substanz Imatinib, welche in den vergangenen zehn Jahren die Behandlung der chronisch myeloischen Leukämie (CML) revolutioniert hat. Dies beweist, dass die Personalisierte Medizin in der Krebstherapie auch Gemeinsamkeiten sonst ausgesprochen unterschiedlicher Erkrankungen identifizieren kann. Das wird wohl auch herkömmliche Therapiekonzepte verändern.

Doch, nicht alles, was die Molekularbiologen und Genetiker bei Tumorerkrankungen an Mutationen finden, ist auch relevant. Bastian: "Bei Melanomen gibt es rund 30.000 verschiedene Genveränderungen. Es wird in der Zukunft eine Herausforderung sein, die den krebsverursachenden Mutationen und die bloßen 'Trittbrettfahrer' zu identifizieren."

apa.at

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