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APA-Artikel 11. Februar 2011

Ernährungsexperte: "Wir haben eine fette Zukunft"

42 Prozent der Österreicher sind zu dick. "Wir haben eine fette Zukunft", prognostizierte der deutsche Ernährungsexperte Sven-David Müller Donnerstagabend bei einem Wien-Besuch auf Einladung des Pharmaunternehmens Pfizer. "Bald sind in den westlichen Ländern über 50 Prozent übergewichtig", so Müller.

"Die Menschen in Österreich und in den westlichen Ländern essen anders, als sie sich ernähren sollten", so Müller. "Sie halten sich nicht an die Ernährungsregeln, sonst hätten wir kein Problem." "Dass unsere Nahrungsmittelzufuhr optimal ist, ist ein Ernährungsmärchen", sagte der Experte. "Und das muss geändert werden." Das mangelhafte Essen verursache nämlich nicht nur Übergewicht, auch Untergewicht, ernährungsbedingte Krankheiten (etwa erhöhte Cholesterinwerte) sowie eine suboptimale Mikrostoffernährung resultieren daraus. "Kein High Carb (eiweißreiche Ernährung, Anm.) oder Low fat (fettreduzierte Ernährung, Anm.), sondern in moderation", rät Müller. "Alles ist okay, solange die Menge stimmt." Die wenigsten würden z.B. wissen, dass Traubensaft viel mehr Zucker enthält als Cola.

Laut Ernährungsbericht würden 13 Prozent der Österreicher regelmäßig Obst und Gemüse essen. "Das heißt 87 Prozent tun das nicht, das sind fast 90 Prozent", rechnete Müller vor. Die Kampagne der Deutschen und Österreichischen Ernährungsgesellschaft (DGE und ÖGE) "5 am Tag" habe "schlichtweg versagt". Das Projekt hatte das Ziel, das Risiko für Krebserkrankungen durch die Steigerung des Gemüse- und Obstverzehrs zu senken. "Die Menschen haben nicht verstanden, dass ihnen das gut tut", so der Ernährungsexperte.

"Der Mensch reagiert erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist", kritisierte Müller die westliche Bevölkerung. Sie würden sich erst dann mit ihrer Ernährung befassen, wenn es für sie lebensnotwendig sei. "Wir haben Selbstmorde durch Messer und Gabel, sprich durch Ernährung", so Müller. Ab einem Alter von 90 Jahren gebe es etwa keine dicken Menschen mehr. "Denn die sind schon vorher verreckt." Dick sein, aber auch sehr dünn sein, mache dem Körper große Mühe. Die geringste Sterblichkeitsrate haben vollschlanke Menschen. "Am liebsten wären mir etwa bei Frauen die Größe 40 bis 42."

Jetzt würde wieder die Diätsaison beginnen, der Vitamin- und Mineralstoffbedarf würde durch die geringe Kalorienzufuhr noch weiter reduziert. "Dabei nimmt der Mensch rund um Weihnachten durchschnittlich nur 357 Gramm zu", berichtete Müller. Die ohnehin schon schlechte Situation werde durch Erkrankungen wie Frucht- und Milchzuckerunverträglichkeit, Vegetarismus, Fastenkuren und Crashdiäten verschärft. "Wir leben in einem Vitamindilemma, das weiter durch die Einnahme von Medikamenten wie der Antibabypille aber auch durch den regelmäßigen Konsum von Alkohol und Zigaretten verstärkt wird", sagte Müller.

"Es ist eine Mär, dass diese Versorgung in Österreich und den anderen deutschsprachigen Ländern optimal ist", so Müller. "Die Fettzufuhr der Bevölkerung ist gut, das klappt im Gegensatz zu Vitaminen und Mineralstoffen ja sehr gut", sagte Müller. Studien würden zeigen, dass die Zufuhr von Jod, Fluorid, Kalzium, Eisen, Magnesium, Mangan und Phosphat unzureichend sei. Besonders Risikogruppen seien betroffen. "Risikogruppen klingt so, als wäre kaum jemand davon betroffen. Das Gegenteil ist der Fall: Die größten Anteile der Bevölkerung sind in einer oder sogar mehreren Risikogruppen zu finden: Senioren, chronisch Kranke, Heranwachsende, Schwangere, Stillende, Magere und auch Rekonvaleszente gehören dazu."

Um einen Effekt zu erzielen und durch Ernährung Krankheiten zu verhindern bzw. vorzubeugen, reicht es nicht, wenn man sich 14 Tage optimal ernährt. "Man muss täglich etwas tun, der Bedarf ist lebenslang", so der Experte. "Man kann aber Menschen nicht in eine Ernährungsdiktatur zwingen, weil dann tun sie es erst recht nicht."

INFO: Zur Person: Sven-David Müller (41) ist Medizinjournalist, Gesundheitspublizist, Diät- und Ernährungsexperte. Er hat Applied Nutritional Medicine (Angewandte Ernährungsmedizin) studiert und den akademischen Grad Master of Science (M.Sc.) erlangt. Er ist staatlich anerkannter Diätassistent, hat sich an der Universitätsklinik Jena zum Diabetesberater DDG fortgebildet und eine Redaktionsausbildung in einem medizinischen Fachverlag absolviert. 2005 wurde er für seine Verdienste um die Ernährungsaufklärung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

apa.at

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