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APA-Artikel 28. April 2010

Aids - Todesangst weicht Angst vor Stigmatisierung

Aids hat sich in der westlichen Welt dank des intensiven wissenschaftlichen und medizinischen Einsatzes von einem Todesurteil zur chronischen Erkrankung entwickelt. Um die damit einhergehenden neuen Problemstellungen zu diskutieren, treffen sich von 18. bis 23. Juli in Wien Experten aus aller Welt zur Konferenz AIDS 2010 in Wien.

"Das Sterben an opportunistischen Infektionen hat aufgehört. Die Betroffenen leben, gehen arbeiten. Aber die Stigmatisierung und Diskriminierung sind nach wie vor ein Thema." Dies erklärte Brigitte Schmied, Leiterin von Ambulanz für HIV/Aids am Otto-Wagner-Spital und Präsidentin der Österreichischen Aids-Gesellschaft im Gespräch mit der APA.

Die Pulmologin - lokale Präsidentin des bevorstehenden Internationalen Aids Kongresses - hat einen Großteil der Geschichte der Pandemie in vorderster medizinischer Front an dem Wiener Krankenhaus verfolgt und für Österreich mitgestaltet: "Ich bin Ende 1989 von Prim. (Norbert, Anm.) Vetter gefragt worden, ob ich mich für HIV interessieren würde. Anfang 1990 habe ich dort zu arbeiten begonnen.

Eingeschränkter Erfolg mit anfänglicher Monotherapie

Noch existierten damals wenige Behandlungsmöglichkeiten, die ersten antiretroviralen Medikamente hatten, da als Monotherapie, eine sehr beschränkte Wirkung - bei vielen und starken Nebenwirkungen. Die Lungenspezialisten hatten die Aids-Patienten vor allem wegen der damals unter ihnen grassierenden Pneumocystis carinii-Infektionen "geerbt".

Doch es war mehr als "bloß" Lungenheilkunde gefragt. Brigitte Schmied: "Wir waren mit Augenerkrankungen, aufgrund es Cytomegalie-Virus und anderen Infektionen konfrontiert. Es gab verheerende Pilzinfektionen, an denen die Patienten litten. Viele der diagnostischen Untersuchungen haben wir selbst durchgeführt"

Viele Betroffene kamen schwer krank in medizinische Betreuung - und die Therapiechancen waren gering. Die Expertin: "Die Patienten waren jung, es gab kaum Hoffnung."

Doch die medizinische Entwicklung war doch relativ schnell. Brigitte Schmied: "Im Herbst 1994 gab es dann die ersten klinischen Studien mit den neuen Kombinationstherapien. Binnen weniger Monate hat sich unheimlich viel getan. Mit den Kombinationstherapien bekamen wir die Möglichkeit, die Patienten effizient zu behandeln. Manche Patienten betreue ich seit damals - bis zum heutigen Tag."

Das Ergebnis: "Ein Leben mit der Infektion ist möglich, aber halt doch ein Stück schwieriger als für nicht Betroffene. Die Sorge, dass die Therapie plötzlich nicht mehr wirkt, die Sorge um den Arbeitsplatz, die Unmöglichkeit eine Lebensversicherung abzuschließen, die Angst Freunde und Bekannten zu verlieren. Denn Diskriminierung und Stigmatisierung sind nach wie vor ein Thema. Weltweit derzeit ein großes Thema ist auch, mit den infizierten Kindern, die jetzt in der Pubertät sind, den Übergang in die Erwachsenenmedizin schaffen."

Möglichst frühe Behandlung angestrebt

Ein anderer Umstand, der einfach auf die veränderte Situation zurück zu führen ist, so Brigitte Schmied: "Unsere Patienten bekommen jetzt auch andere Erkrankungen, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes. Es scheint doch so zu sein, dass das HI-Virus - abgesehen von seinem Effekt auf das Immunsystem - auch auf anderer Ebene den Organismus schädigt."

Das Fazit daraus, so die Expertin: "Meine persönliche Überzeugung ist schon heute, dass man eine HIV-Infektion unabhängig vom Zustand des Immunsystems ab der Diagnose behandeln sollte - wenn das nicht die Toxizität der Therapie verhindert."

Immer komme es aber auch auf die Beziehung zwischen Arzt und HIV-Betroffenem an. Die Ärztin: "Das Reden mit den Patienten ist extrem wichtig. Es gilt nicht mehr 'HIV - Aids - Tod'. Man kann mit HIV leben. Auch die Patienten haben dazu gelernt. Früher gab es häufiger Therapieversager, aber mit den einfacheren und besser verträglichen Therapien (Einnahme ein- oder zweimal täglich, Anm.) ist die regelmäßige Einnahme einfacher geworden. Wir sehen auch Multi-Resistenzen nicht mehr so häufig."

So verschieben sich die Schwerpunkte, Schmied aber erwartet sich von AIDS 2010 in Wien einen neuen Impetus: "Gerade bei HIV und Aids hat sich immer wieder gezeigt, dass die Entwicklung sprunghaft verläuft. Während der Internationalen Konferenz in Vancouver im Jahr 1996 gab es eine Aufbruchsstimmung wegen der damals neuen Kombinationstherapien. Nach der Konferenz in Durban im Jahr 2000 gab es einen Meinungsumschwung, der Zugang zur Therapie wurde für viele Menschen in Südafrika möglich, nachdem das HI-Virus als Ursache von AIDS nicht länger geleugnet wurde.

Schwerpunkt Osteuropa und Zentralasien

Einer der Themenschwerpunkte, der Internationalen Aids Konferenz in Wien ist die HIV-Epidemie in Osteuropa und Zentralasien, so die Expertin: "Das sind die Regionen mit der am raschesten ansteigenden Zahl an Infizierten. Mangelnde Präventionsstrategien, Diskriminierung und Stigmatisierung sind die Hauptursachen dafür. Drogenkranke dürfen nicht als schlechtere Menschen betrachtet werden. Jeder Mensch hat das Recht auf eine adäquate medizinische Versorgung."

HIV und Aids müssen aber auch in Österreich ein Thema bleiben: "30 Prozent der HIV-Infektionen werden erst in einem Stadium erkannt, in dem die Betroffenen schon fünf, zehn oder 15 Jahre das Virus im Blut gehabt haben. Es muss ein Gesundheitsbewusstsein, auch die sexuelle Gesundheit betreffend, geschaffen werden. Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung dürfen nicht der Grund sein, sich nicht testen zu lassen. Testung und Behandlung ('test and treat') sind wichtig."

Aids in Österreich - Bisher 1.516 Tote

Seit 1983 sind mit Stichtag 1. April 2.782 Menschen in Österreich an der Immunschwächekrankheit erkrankt, 1.516 gestorben. Den - bei einer übertragbaren und derzeit noch nicht heilbaren Erkrankung noch immer vorläufigen - "Höhepunkt" gab es im Jahr 1993, als bei 238 Menschen die Aids-Diagnose gestellt werden musste. Damals starben binnen eines Jahres 177 Betroffene.

Die Entwicklung gibt einen deutlichen Hinweis, wie gut die Behandlung geworden ist: Standen im Jahr 1984 beispielsweise neun Erkrankungen an der Immunschwächekrankheit acht Todesopfern gegenüber, betrug im Jahr 2008 die Zahl der Aids-Neuerkrankungen 70 bei neun Todesopfern. Im Jahr 2009 gab es 59 Erkrankungen und acht Todesfälle.

Den wohl genauesten Aufschluss - auch wenn seit 2009 die Zahlen des Otto-Wagner-Spitals nicht mehr enthalten sind - gibt "AHIVCOS", die österreichische Kohortenstudie: Das ist eine seit 2001 existierende Datenbank, in welche die österreichischen Aids-Behandlungszentren die Informationen ihrer Patienten anonymisiert eingeben. Darin befinden sich mittlerweile die Daten von 4.553 HIV-Infizierten, wie aus dem Entwurf für "HIV AIDS in Austria" für das Jahr 2010 hervorgeht.

Demnach ist das durchschnittliche Alter jener Personen, bei denen eine HIV-Infektion festgestellt wird, seit 1992 relativ unverändert bei 30 bis 36 Jahren. 28,2 Prozent der Gesamtgruppe sind Frauen. Bei den im Jahr 2009 neu diagnostizierten HIV-Infektionen lag der Anteil der Heterosexuellen bei 43,1 Prozent. 77,7 Prozent der Menschen in der gesamten Gruppe an Personen mit HIV/Aids sind österreichischer Nationalität.

Die Todesrate durch Aids ist laut den Daten drastisch gesunken. 1995 lag sie bei 25,6 pro 100 männlichen Aids-Kranken und Jahr, bei den Frauen betrug dieser Wert 25,4. Diese Mortalitätsrate hat sich bei den Aids-kranken Männern auf unter zehn und bei den Frauen auf unter fünf reduziert.

Man schätzt, dass derzeit rund 9.000 Menschen mit Aids/HIV in Österreich leben. Ein Drittel der Betroffenen kommt erst sehr spät zum Arzt, zur Untersuchung und zu einer allfälligen Therapie. Das bedeutet aber auch, dass Kontaktpersonen der Betroffenen lange ein Infektionsrisiko haben.

apa.at

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