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APA-Artikel 29. Jänner 2010

Law and Order gegen Sucht produziert Kriminelle

Psychisch Kranke, speziell Suchtkranke, bestehen nicht zuvorderst aus ihren "Defiziten". Sie haben Ressourcen, von deren Aktivierung der Erfolg einer Behandlung abhängt. "Law and Order"-Zugänge zur Problematik von Abhängigen sind deshalb der falsche Weg. Das war Freitagvormittag (29. Jänner) das Fazit der Eröffnungsreden bei einem Symposium des Anton-Proksch-Instituts in Wien zum Thema: "Der Mensch im Mittelpunkt der Suchtbehandlung".

Zunächst einmal - so Gesundheitsminister Alois Stöger (S) - sollte die Gesellschaft anerkennen, dass Sucht und Abhängigkeit nichts Exotisches sind: "Sucht ist kein Randproblem. Sucht findet überall statt, in allen gesellschaftlichen Schichten. Sucht kann man nicht mit 'Law and Order' behandeln."

Ähnlich auch die Wiener Gesundheitsstadträtin, Sonja Wehsely (S): "Zu glauben, sich der Problematik der Suchterkrankungen mit 'Law and Order' nähern zu können, ist der falsche Weg." Er behindere auch die engagierten Therapeuten und Betreuer: "An der Stigmatisierung dieser Erkrankungen leiden auch diejenigen, die in diesem Bereich arbeiten."

Der Chef des Anton-Proksch-Instituts (API), der Psychiater Michael Musalek, forderte eine Art Paradigmenwechsel im Umgang der Medizin mit Abhängigen. Die moderne Evidence based Medicine (Medizin auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse) habe auch zu Mängeln geführt: "Es ist auch eine Korsett-Medizin, in der der Handlungsspielraum eingeschränkt ist. Es ist uns der Mensch aus dem Blickpunkt geraten. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Körperteile."

Rehabilitation und Reintegration

Abhängigkeit sei ein zutiefst menschliches Phänomen, so Musalek: "Sucht hat es immer gegeben. Sucht wird es immer geben. Mit 'Law and Order' können wir bloß ein paar Kriminelle produzieren. Es muss der Schritt in Richtung Rehabilitation und Reintegration gemacht werden. Der Leidensweg der Suchtkranken beginnt oft erst dort, wo sie gesund sind und sie keiner braucht."

Am Anton-Proksch-Institut wird deshalb verstärkt versucht, in der Behandlung der Patienten die Motivierung ihrer Stärken zu forcieren. Psychiater Roland Mader: "Der Mensch besteht nicht nur aus seinen kranken Anteilen, sonder auch aus seinen gesunden Anteilen, die wichtig für den Erfolg sind." Ressourcen-orientierte Therapie sei effektiver als bloß die Behandlung von Defiziten.

Ziele, Wünsche, Überzeugungen, Werthaltungen, Talente, Bildung, religiöse Überzeugungen etc. stellen für den Abhängigen Kraftquelle dar, die man in der Stabilisierung und Behandlung der psychischen Erkrankung nutzen kann. Dem gegenüber stehen vier menschliche Grundbedürfnisse, die gerade im Rahmen einer Suchtkrankheit ungenügend befriedigt werden: Orientierung, Lustgewinn und Unlustvermeidung, Bedürfnis nach (sozialen) Bindungen und Erhöhung des Selbstwertgefühls. Mader: "Es ist unschwer zu erkennen, dass bei Abhängigen diese Bedürfnisse nur eingeschränkt erfüllt werden."

Erfolg muss nicht Abstinenz sein

Suchterkrankungen sind behandelbar, im Vergleich zu anderen chronischen Krankheiten mit einem nicht wesentlich schlechteren oder besseren Ergebnis. Erfolg muss nicht lebenslange Abstinenz sein. Viel mehr sollte versucht werden, dem Patienten möglichst viel an eigener Kontrollfähigkeit und Autonomie zurückzugeben, hieß es beim Suchtkongress.

"Ich würde den Menschen als Wesen sehen, das ständig um Autonomie, Erhaltung und Wiedererlangung der Kontrollfähigkeit kämpft. Sucht ist oft ein Abwehrkampf gegen eine als unerträglich empfundene Realität", sagte der Grazer Psychiater Martin Kurz. Idealisierte Ziele wie lebenslange Abstinenz seien eher Projektionen von Ängsten aufseiten von Patienten und Therapeuten. Alte Konzepte wie "Suchterkrankung ist linear", "Früher Tod ist unausweichlich" oder "Alles oder Nichts" oder gar die Erschwerung der Möglichkeiten zur Opiatsubstitution seien eindeutig kontraproduktiv.

Noch dazu kann sich die Suchtmedizin bei weitem nicht alles, was beispielsweise alkoholabhängige Patienten selbst zustande bringen, als "Feder" an den eigenen Hut stecken. Kurz: "In einem Monatsquerschnitt trinken 50 Prozent der Alkoholabhängigen nichts. Innerhalb von ein bis zwei Jahren sind sie durchschnittlich vier Monate total 'trocken'. Die Mehrheit der abstinenten Alkoholiker (53 Prozent, Anm.) erreichen dieses Ziel ohne professionelle Hilfe."

Wenn ein Drittel von Behandelten nach einer zunächst stationären Therapie Alkohol-abstinent bliebe, sei das auch oft auf die Auswahl der Patienten mit den besten Aussichten zurück zu führen. Der Experte: "Den Akademiker mit Familie und einer Zielvorstellung von 7.000 Euro Nettomonatsgehalt bekommen wir zu 90 Prozent abstinent." Das wäre eben nicht die Regel.

Neue Labortests - auch wenn dahinter immer auch ein wenig der angloamerikanische Schuld-Sühne-Überwachungskomplex hervor lugt - können eventuell Abhängige mit einem hohen Rückfallspotenzial besser identifizieren helfen. Der Alkohol-Abbaustoff Ethyl Glucuronide (EtG) im Harn erlaubt die Feststellung sonst nicht nachweisbaren Alkoholkonsums in vorangegangenen Tagen. Im Haar lässt sich sogar eine kumulative Messung der Alkoholmenge über rund drei Monate vornehmen. Und ein hoher Spiegel an dem in Fettzellen produzierten Hormon Resistin scheint bei Alkoholikern auf eine höhere Gefährdung für Rückfälle hinzuweisen, betonte der Salzburger Wissenschafter Friedrich Wurst. Doch Kontrollen etc. ändern nichts am Leid der Betroffenen.

apa.at

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