zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 21. September 2009

Mehr Lungenkrebs-Todesfälle durch Hormontherapie

Weiterer Schlag für die ehemals von vielen Gynäkologen auch in Österreich so stark propagierte Hormonersatztherapie bei Frauen in der Menopause: Aus Anlass des Europäischen Krebskongresses in Berlin (20. bis 24. September) veröffentlichte die weltweit hoch angesehene Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet" neue Daten aus der sogenannten Women's Health Initiative-Studie. Bei Frauen, welche eine Kombi-Hormonersatztherapie mit Östrogen und Gestagen erhielten, zeigte sich eine statistisch signifikant höhere Lungenkarzinom-Sterblichkeit.

Das war der Stand bisher: 8.506 US-Frauen im Alter zwischen 50 und 79 Jahren hatten im Durchschnitt 5,6 Jahre lang eine Hormonsubstitution mit einem Kombinationspräparat bekommen. 8.102 vergleichbare Probandinnen hatten hingegen ein Placebo geschluckt. Auf die eigentliche Studienphase folgte noch eine Nachbeobachtungszeit von 2,4 Jahren. Das niederschmetternde Ergebnis, das schon vor Jahren weltweit für Aufregung sorgte: Unter den Hormonersatz-Probandinnen verdoppelte sich die Rate der Thromboembolien (mal 2,13). Es kam zu um 41 Prozent mehr Schlaganfällen, 29 Prozent mehr Infarkten und 26 Prozent mehr Brustkrebserkrankungen. Auf der anderen Seite gab es eine geringere Rate von Dickdarmkrebs-Erkrankungen und weniger Frakturen wegen Knochenschwund.

Doch jetzt wird die Liste der Negativmeldungen zu dieser Art von Hormonsubstitution in der Menopause offenbar länger. Rowan Chlebowski vom Los Angeles Biomedical Research Institut (Harbour-UCLA) und die Co-Autoren listen im "Lancet" auf:

- Frauen in der Gruppe, die wirklich den Hormonersatz erhielten, zeigten eine um 23 Prozent erhöhte Lungenkrebs-Erkrankungsrate (0,16 Prozent Häufigkeit einer Diagnose pro Jahr, in der Placebo-Gruppe waren es 0,13 Prozent pro Jahr). Dies war allerdings statistisch nicht signifikant.

- Statistisch signifikant war der Unterschied in der Lungenkrebs-Mortalität: Hier kam es in der Placebo-Gruppe zu 40 Todesfällen durch ein Lungenkarzinom, in der Hormonersatz-Gruppe waren es 73 Opfer. Das bedeutete eine Übersterblichkeit um 71 Prozent. Zum größten Teil ging das - so die Autoren - auf vermehrte Erkrankungen mit einem sogenannten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSLC) zurück. Hier waren es 31 Todesfälle in der der Placebo-Gruppe und 62 in der Gruppe der Frauen mit Hormonsubstitution oder ein um 87 Prozent erhöhtes Risiko.

Die Autoren: "Obwohl die Behandlung mit Östrogen und Progestin bei den Frauen in der Menopause die Häufigkeit von Lungenkarzinomen nicht erhöhte, erhöhte sie die Zahl der Todesopfer durch Lungenkrebs, speziell die Todesfälle durch nicht-kleinzellige Lungenkarzinome. Diese Resultate sollten in die Bewertung der Nutzen-Risiko-Relation bei Frauen einfließen, die eine Hormontherapie überlegen - speziell bei Frauen mit einer hohen Lungenkrebsgefährdung." Eine mögliche Erklärung wäre, dass das Östrogen aus den Pillen einen Wachstumsimpuls auf die bösartigen Zellen ausübe.

Im Frühjahr dieses Jahres erklärte der Grazer Experte Edgar Petru (MedUni) zum Thema Hormonersatz bei einem Medienseminar in Wien: "Wir haben natürlich Fehler gemacht, indem wir gesagt haben, jede Frau sollte Hormonersatz bekommen - und möglichst lang. Wir gehen nicht davon aus, dass das ein 'Jungbrunnen' ist. Auch das ist die ganz falsche Strategie gewesen. (...) Aber zehn bis 20 Prozent der Frauen brauchen die Hormonsubstitution. Deren Lebensqualität ist (durch Wechselbeschwerden, Anm.) total mies."

Bessere Therapie bei Lungenkarzinom

Punkto Lungenkarzinom gibt es aber auch Positives zu berichten. Eine neue Therapie, an deren Entwicklung Wiener Onkologen mitgearbeitet haben, verlängert die Überlebenszeit der Patienten und hemmt die Erkrankung auch im fortgeschrittenen Stadium. Anlässlich des Krebskongresses veröffentlichte "The Lancet" online auch die Ergebnisse einer groß angelegten Studie.

"Mehr als eine Million Menschen sterben weltweit pro Jahr an einem Lungenkarzinom, davon 87 Prozent an einem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom. Bei 40 Prozent der Patienten ist die Krankheit schon zum Zeitpunkt der Diagnose weit fortgeschritten", schrieb das Fachjournal.

Normalerweise erhalten solche Patienten vier oder sechs Zyklen einer Kombinations-Chemotherapie, bei der eine der Substanzen Cisplatin ist. Kommt die Erkrankung zum Stillstand, gab es bisher die Behandlungsleitlinie, wonach man warten sollte, bis die Krankheit wieder fortschreitet, um dann Mittel der zweiten und dritten Wahl zu verwenden.

Chandra Belani (Pennsylvania State University) und die Co-Autoren von 83 Zentren in 20 Staaten erprobten eine Alternative zu dieser Strategie. Sie gaben 663 Patienten im Stadium IIIb oder IV eines nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms, bei denen die Krankheit mit der ersten Chemotherapie zum Stillstand gekommen war, entweder die Substanz Pemetrexed (441 Probanden) oder ein Placebo (222 Probanden). Sonst erhielten die Patienten die derzeit optimale Begleitbehandlung.

In Österreich waren an der Studie Thomas Brodowicz (Universitätsklinik für Innere Medizin I/Wien/AKH) sowie Klinikchef Christoph Zielilnski beteiligt. Die Therapie erfolgte in Zyklen alle drei Wochen. Pemetrexed ist ein Analogon der Folsäure und greift in Zellen in die Synthese der Erbgutbestandteile (DNA, RNA) ein.

Die Wissenschafter erzielten mit der neuen Erhaltungstherapie gute Resultate: So erhöhte sich unter Therapie von Pemetrexed die Zeitspanne bis zum Fortschreiten der Erkrankung von durchschnittlich 2,6 auf 4,3 Monate.

Die durchschnittliche Überlebensdauer konnte von 10,6 auf 13,4 Monate gesteigert werden. Die zusätzliche Therapie wurde von den Patienten relativ gut vertragen. Fünf Prozent der damit Behandelten brachen sie wegen Nebenwirkungen ab. In der Placebo-Gruppe war es ein Prozent.

Laut den Autoren steht damit auch für Patienten mit einem inoperablen Lungenkarzinom nach der ersten Chemotherapie eine relativ gut verträgliche und wirksame Behandlung zur Verfügung, die das Fortschreiten der Erkrankung noch zusätzlich hinausschiebt und die Sterblichkeit verringert. Das ist für diese Schwerkranken ein Fortschritt.

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben